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Autor Thema: Aikido in der praktischen Anwendung  (Gelesen 3865 mal)
0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.
Oliver E
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Beiträge: 43


« Antworten #10 am: 09. 07. 09 - 10:30 Uhr »

Hallo Oliver,

SV im polizeilichen Einsatz muss man immer aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten. Der eine und m. E. für unsere Frage wesentliche, weil rein defensive Aspekt ist die Eigensicherung. Hier kommt es darauf an, nicht in eine Opferrolle zu geraten. Es kann sich um scheinbar ganz belanglose Situationen handeln, in die durchaus auch ein Kellner mit einem aggressiven Gast geraten kann. Das ist auch der Grund, warum ich oben Boxen erwähnt hatte. Das Boxtraining hat nämlich eine ganz stark defensive Komponente, d. h. man erkennt spontane Angriffe rechtzeitig und reagiert intuitiv richtig, indem man sich deckt oder ausweicht. Dies lernt man recht schnell, aber Boxen soll hier natürlich nicht das Thema sein. Unter diesem Aspekt halte ich Aikido für eine ideale Budo-Form für die polizeiliche Eigensicherung, insbesondere da es mit Haltetechniken und Hebeln eine Fülle von Möglichkeiten bietet, die Fortsetzung des Kampfes mit geringem Schaden für den Gegner zu verhindern. Es erfordert aber jahrelanges Üben, Disziplin und viel Ausdauer und ist m. E. daher für die praxisbezogene, breit angelegte Basiausbildung bei der Polizei nicht geeignet, wenn man es kann, ist es natürlich nützlich.  Ich sehe hier auch keine Widersprüche zur Philosophie des Aikido.

In anderen Einsatzsituationen, die eher keinen defensiven Charakter haben, kann ich deine Vorbehalte nachvollziehen, solche Situationen kennzeichnen aber m. E. nicht den polizeilichen Alltag.

Gruß

Jörg

Hallo Jörg,

ich verstehe schon was Du meinst und gebe Dir auch Recht dass es nützlich, in solchen Berufen ist wenn man Aikido kann. Ich meinte lediglich das Aikido nicht meine Wahl wäre wenn ich Polizist wäre oder ich mir nicht vorstellen kann das eine Ausbildung in Aikido in ein Ausbildungsprogramm der Polizei aufgenommen werden würde.
Jetzt kommt bestimmt die Frage "warum würde ich nicht Aikido wählen wenn ich Polizist wäre" {$default_wink_smiley}
Weil mir die Ausbildung zu lange dauern würde und ich Aikido in solchen Situationen nicht als zweckmäßig empfinde.
SV als Privatperson und SV als Polizist, Vollzugsbeamter oder ähnlichem unterscheiden sich etwas schätze ich.
Als Privatperson achte ich auf meine Unversehrtheit und werde einem Kampf so gut wie möglich aus dem Weg gehen. Wenn dies nicht möglich ist werde ich defensiv agieren.
Als Polizist kann ich mir nicht leisten dem Aggressor aus dem Weg zu gehen, ich habe ja einen "Schutzauftrag". Ich muss die Situation unter Kontrolle bringen und kann nicht warten bis mir der, unfreiwillige, Uke die Kontrolle praktisch in die Hand drückt. Die Handlungen sind also wesentlich aggressiver als die einer Person die "nur" sich selbst verteidigt. Puh, schwer zu erklären, wird klar was ich meine?

lg
Oliver
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Jörg Freymann
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« Antworten #11 am: 09. 07. 09 - 19:06 Uhr »

Hallo Oliver,
wir liegen doch gar nicht auseinander, ich erkenne jedenfalls keinen Dissenz, insbesondere, was die Aufnahme von Aikido ins Ausbildungsprogramm der Polizei anbelangt. Es dauert in der Tat zu lange, bis es sitzt und vor allem auch unter Stress funktioniert. Ich habe mich darüber auch mal mit einem israelischen Polizisten unterhalten, der seit vielen Jahren die gleiche Aikido-Richtung betreibt wie ich. Man kann sich vorstellen, dass die Praxis des Polizeiberufs in Israel von der bei uns nicht unerheblich abweicht und  Situationen, bei denen SV zur Anwendung kommt häufiger an der Tagesordnung sind. Er konnte von solchen Situationen berichten. Interessant war seine Feststellung, dass ihm das Aikido geholfen und es funktioniert habe. Allerdings war es ungewohnt, unter Schmerzen aufgrund auf ihn einprasselnder Schläge die Ruhe und Weichheit zu bewahren, die für ein Gelingen notwendig sind. Dafür braucht es m. E. Jahrzehnte! Echt und schmerzhaft getroffen zu werden (wie etwa beim Boxen) üben wir eben aus guten Gründen nicht und so soll es auch sein. Ich finde das bestätigt einerseits unser beider Einschätzung was die fehlende Breitentauglichkeit für die Polizei betrifft, gleichzeitig aber auch, dass es ab einem gewissen Entwicklungsstand auch in der Praxis funktioniert.

Gruß

Jörg
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Carsten Möllering
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« Antworten #12 am: 09. 07. 09 - 20:25 Uhr »

Moin
Echt und schmerzhaft getroffen zu werden (wie etwa beim Boxen) üben wir eben aus guten Gründen nicht und so soll es auch sein.
Warum soll das so sein, wenn es doch hülfe zu lernen, Aikido auch in entsprechenden Situationen besser anwenden zu können?

Carsten
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Jörg Freymann
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« Antworten #13 am: 09. 07. 09 - 21:31 Uhr »

Hallo Carsten,

gute Frage, ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie so ein partnerschaftliches, aggressionsfreies Üben zustande kommen soll. Nach meinem Verständnis und eigener Erfahrung beginnt die individuelle Entwicklung im Aikido damit, gewohnte Verhaltensmuster bei Angriffen, wie etwa Blocken oder Zurückweichen abzulegen und den "Gegner" stattdessen anzunehmen und sich auf ihn einzulassen. Das kann bei Leuten, die bereits andere SV-Erfahrungen, bzw. -schulungen genossen haben länger dauern und schwieriger sein, als bei "unvorbelasteten" Einsteigern. Das Abbauen dieser Reflexe und sich Einlassen auf einen anderen (inneren) Weg, wird u. U. dadurch erschwert, dass man in Stresssituationen und unter Schmerzen instinktiv zu den Mitteln greift, die einem gerade zur Verfügung stehen und auf die man sich bislang immer verlassen hat. Ich werde also automatisch doch zurückweichen, blocken oder Techniken mit Brachialgewalt durchziehen um mich momentan aus der Affaire zu ziehen, was mich auf dem Weg des Aikido aber keinen Schritt weiterbringt, sondern davon ablenkt und langfristig in eine Sackgasse führen kann. Ich will hier nicht wieder das Thema "realistische Angriffe" aufwärmen, gegen die sicher nichts einzuwenden ist, aber ich denke ein "volles Durchziehen" und gegebenenfalls schmerzhaftes Zuschlagen ist aus den genannten Gründen nicht zielführend.

lg


Jörg
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