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Ein Grund zur Freude

Eddi macht Prüfung und ich hab´ weiche Knie. Dabei bin ich nur für´s Knipsen zuständig. "Waaas?" wundert sich Michael. "Haschlampenfieber?" "Schlampenfieber? Wie bitte?" Wir grinsen beide von Ohr zu Ohr über den schwäbischen Charme des Wortspiels. Nur für einen kurzen Moment stellen wir uns vor, wie diese Fiebergattung so aussehen könnte... aber es gibt Wichtigeres.

Edmund Grund, der Chef-Trainer des Aikido-Club Stuttgart, steht heute zur Prüfung auf den 5. Dan in Bergheim bei Stuttgart an. Vor 25 Jahren habe ich bei ihm auf der Matte die ersten Schritte gelernt. Warum soll ich da bei diesem Aikido-Highlight nicht mitfiebern. Michael Zimnik hat weder das Eine noch das andere Fieber. Er ist für Ukemi zuständig.

Um 17 Uhr ist die Prüfung angesetzt Treffzeit ist 16 Uhr. Wir sind pünktlich. Draußen vor dem Dojo erfahren wir vor von den Umstehenden etwas über die "verkorkste" Prüfung eines Anwärters auf den 4. Dan. Oh, welch ein Omen! Zwar ist heute der 13te, aber Freitag war gestern. Und die Oktobersonne verwöhnt uns bei dieser traurigen Nachricht sogar noch mehr als in den Tagen zuvor. Darf man an solch einem wunderschönen sonnigen Herbsttag überhaupt durchfallen?

Iijiiijiji! Die Tür zum Bergheimer Dojo quietscht, aber irgendwie schön. Das passt auch gut zum alten, schön restaurierten und dem Anlass entsprechend dekorierten Übungssaal. Fensterreihen links und rechts tauchen die Mattenfläche in ein warmes Licht. ISO 1600 müsste ohne Blitz reichem. Das Feuerwerk erhoffe ich von Eddi und seinen drei Partnern.

Am oberen Ende des Saales sitzt die Prüfungskommission mit genügend Nähe zum Geschehen auf der Matte und genügender Distanz zum Zuschauerbereich. Dort sind Turnbänke, Stühle, Kästen und ein Barren fast vollständig besetzt.

Familie Grund erscheint: Eddi mit Korb und Champagner, Frau Sonja mit Erwartungsfreude und Sohn René mit Filmkamera. Die Geräuschkulisse ist während einer Prüfung gedämpft, aber in den Pausen ist einiges los. Es gibt Begrüßungen und Gratulationen zur gerade bestandenen Prüfung, Vorstellungsrituale, Fachsimpeleien, Nettigkeiten und ein Aha-Erlebnis: "Du siehst ja aus wie Eddi mit Haaren." Das muss Eddis großer Sohn René sich von völlig Unbekannten sagen lassen. Er bleibt gelassen.

Mehr Fotos und einen Film
gibt es demnächst hier:

Nun fehlen nur noch Sergej Zuravlev und Thomas Walter als weitere „Ukemisten“, aber beruhigt entdecke ich sie, fertig geschnürt, am Mattenrand. Das Prüflings-Glückskleeblatt ist also komplett, die geistige und körperliche Konzentration spürbar. Das Ganze hat eine geballte Ladung an Attraktivität, so als hätten die vier von Meister Noro als letzte Motivation "seid sexy" zu hören bekommen. Denn "sexy sein!" wie Meister Noro es interpretiert heißt "aus sich herausgehen, alles zu geben, sich der Wellt zu öffnen... so dass innere Haltung im Äußeren sichtbar ist". So habe ich es noch vom Unterricht bei Meister Noro im Ohr.

Die Prüfung beginnt mit einer fast einstündigen Verspätung. Gleich zu Beginn der Prüfung beweist Eddi mit Nage Waza seine gute Standhaftigkeit. Der optisch brillante Eindruck bei Tenchi-Nage, Kokyu-Nage und Sumi-Otoshi ist von Michaels gelungener Ukemi mit geprägt. Das hohe Tempo bei dieser Prüfung hebt sich positiv von den vergangenen Prüfungen ab. Beim genauen Hinschauen bemerke ich aber doch die sportliche Herausforderung an die Kondition, sofort von Null auf Hundert zu kommen und das Niveau dauerhaft zu halten. Zum Glück wechseln die Angreifer.

Das Prüfungsgrogramm ist sehr vielseitig: Nage-Waza , 1. und 4. Kata, Jo-Dori, Jo-Nage, Tanto-Dori, Hanmihandachi-Waza und Futari-Gake. Bei Tanto-Dori mit Sergej als Uke besticht Eddi durch Authentizität. Sergej wirkt auch ohne Messer durchaus gefährlich und muss seine guten Nehmer-Qualitäten dann auch bestens beweisen. Thomas kann bis dahin gelassen bleiben. Er wird im letzten Drittel der Prüfung mit dem Bokken angreifen. Eddi demonstriert mit ihm in seinem freien Präsentationsteil Buki-Waza. Das ist ein echter Hingucker, zählt, glaube ich, zur Gattung Exotik im DAB. Henka-Waza gehört wie ich im Vorfeld schon mitbekommen habe, zum anspruchsvollsten Prüfungsteil. Konzentration, Spontaneität, Schnelligkeit und Präzision in ständig wechselnden Rollen zwischen Uke und Nage erfordern eine hohe Dynamik auf geistiger und körperlicher Ebene. Dabei ist Michael als Partner keineswegs zahm. Ein gut sitzender musikalischer Nikyo wird von Eddi im letzten Moment erfolgreich in einen fantasievollen Konterwurf umgewandelt. Den Verlauf des Randori im Abschluss bekomme ich am Zoom hängend und gierend nach dem perfekten Foto gar nicht mit. Aber die Reaktion der Zuschauer verrät, das hat offensichtlich gut gefetzt und allen gefallen. Später sah ich auf dem Video das hohe Tempo und die schonungslose Direktheit der Angreifer... Spätestens jetzt hat Eddi uns alle etwas verzaubert.

Alfred Heymann als Prüfungsvorsitzender, Dr. Barbara Oettinger und Joe Eppler haben nach relativ kurzer Zeit das Prüfungsergebnis, erheben sich, treten an den Mattenrand und bitten den Prüfungskandidaten zu sich. "Lieber Eddi", Alfred Heymann verzichtet beim Verkünden des Ergebnisses auf jegliche Dominanzgesten: Keine Kommentierung der Leistung, keine Rede über die Lage der DAB-Nation. Wunderbar! Damit überhöht er diesen einzigartigen Moment des Weges, den Eddi vor 35 Jahren eingeschlagen hat. "Herzlichen Glückwunsch!"

Donnernder Applaus – befreiend , jubelnd, überwältigend. Ich verschlucke mich am Jubelschrei, renne nach vorne, um den Zuschauerjubel mit dem Fotoapparat einzufangen ... aber irgend jemand knipst in diesem Moment den Applaus aus. Oh, wie schade. Wer hat dem Eddi den Applaus geklaut? Das Finden geht schneller als das Suchen der Kokosnuss. Die Zeremonie mit Glückwünschen vom Aikido-Club Esslingen und die Übergabe von Geschenken beginnt. Eddi hat diesen Verein vor etlichen Jahren mitbegründet, ist dort auch Trainer und die Esslinger freuen sich sichtbar riesig über Eddis Erfolg.

Eddi strahlt, genießt, vermisst aber in diesem Moment seine drei Uke, wird er mir später sagen. Die stehen am anderen Mattenrand ganz jotwede. Irgendwann läuft die zeremonielle Form der Glückwünsche und Danksagungen über, die Zuschauer sitzen nicht mehr auf ihren Plätzen, ein Huldigungstsunami rollt auf Eddi zu.

Der Aikido-Club Stuttgart wird im November 25 Jahre alt. Der Prüfungserfolg von Edmund Grund ist für den Verein ein weiterer Grund zur Freude.

Janina Eisner
Aikido-Club Stuttgart e. V.

Erschienen im Aikidojournal (Nr.53D / 1/2008)

 

Von: Janina Eisner   Erstellt am:2007-12-23    Letzte Änderung:2007-12-23

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